Kolumne von Maximilian Buddenbohm

Im Achterbahnrestaurant



Den elbsüdlichen Teil Hamburgs haben nach wie vor viele Hamburger nicht auf dem Zettel, man ist da eher selten, weswegen die Söhne auf dem Weg zum Restaurant fragten, ob sie jetzt in einer anderen Stadt seien. Wenn man mit der S-Bahn bis Harburg-Rathaus fährt, führt der kurze anschließende Fußweg durch eine Straße voller sehr hübscher Fachwerkhäuser in Richtung des modernen Binnenhafens, da ist man dann schon in angenehmer Ausflugstimmung, alles so fremd hier. Beides, die alten Häuser wie auch den modernisierten Binnenhafen hinter dem Restaurant Rollercoaster Hamburg, kann man übrigens auch als nordelbischer Hamburger ruhig einmal gesehen haben, das ist schon interessant.
 


Das eigentliche Ziel war aber etwas aus der Gattung Event-Gastronomie, nämlich ein Achterbahnrestaurant. Da reicht eigentlich schon der Begriff, um bei Kindern brennendes Interesse zu wecken, und das funktioniert sogar dann, wenn man ihnen nach der ersten Freude erklärt, dass dort gar nicht die Menschen Achterbahn fahren, sondern “nur” die Speisen. Das klingt für sie nämlich immer noch einigermaßen absurd und unvorstellbar und großartig. Wer sich jemals im Leben auch nur ansatzweise für Modelleisenbahnen, Achterbahnen, Konstruktionsbausätze und ähnliches interessiert hat, wird das sicher noch nachvollziehen können.
 


Was passiert nun genau in einem Achterbahnrestaurant? Die Speisen und Getränke werden aus der Küche nicht von Menschen zum Tisch getragen, nein, die fahren Achterbahn. Sie werden also in der Küche in Töpfe verpackt, auf Schienen gesetzt, ein Startknopf wird gedrückt und sie zuckeln bergauf, dann über die Köpfe der Gäste hinweg bis sie irgendwann durch Abwärtskurven mehr und mehr Fahrt aufnehmen und dann rasant an den Tischen landen, an denen man sie bestellt hat. Alles kommt so an, jede Flasche, jeder Salat, jede Portion Pommes, jeder Pudding. Das ist selbstverständlich eine herrlich alberne Idee, auf so etwas kommt man normalerweise in Kinderzimmern, entsprechend betrachtet man das Restaurant auch am besten aus Kinderaugen. Dann stellt man schnell fest, dass dort in Sachen Familienfreundlichkeit einiges sehr richtig gemacht wird, sogar so richtig, dass sich andere Restaurants gerne ein Beispiel nehmen könnten.
 


Das fängt schon mit der Begrüßung an, bei der die Kinder ausdrücklich angesprochen werden, das passiert leider ziemlich selten so. Das geht mit der Bestellung weiter, die in diesem Restaurant über ein spezielles Computermenü per Touchscreen erfolgt. Das muss den Gästen erst einmal erklärt werden, und das erklärte die Kellnerin so, dass sie dabei hauptsächlich die Kinder ansprach. Das ist eine Kleinigkeit, aber eine mit Wirkung, denn erstens verstehen Kinder so etwas eh schneller als die reaktionslahmen Eltern, zweitens blühten die Kinder sofort auf, fühlten sich sehr ernstgenommen und übernahmen den ganzen Bestellvorgang mit heiligem Ernst und großem Interesse und Verantwortung, das könnte gerne öfter so sein.

Es gibt Kindermenüs mit Nachtisch und kleinem Geschenk, damit macht man nichts falsch, sofern die Kinder zu der großen Mehrheit gehören, die Chicken Nuggets und Pommes und süße Getränke toll finden. Es gab viel Auswahl für Kinder, das fanden unsere beiden besonders bemerkenswert und angenehm, auch wenn sie dann am Ende doch wieder das bestellt haben, was es auch anderswo als Kinderteller gibt. Aber auch Auswahl kann eben dazu beitragen, dass sie sich als Gäste korrekt behandelt fühlen.
 

Man kann auf dem Touchscreen hin- und herspielen, Gerichte und Getränke zur Bestellung hinzufügen, wieder löschen, verdoppeln usw., erst wenn man eine Chipkarte durch das Lesegrät zieht, wird die Bestellung abgeschickt und man kann mit Blick nach oben abwarten, wann da etwas über die Schienen kommt.

Währen der Wartezeit kann aber auch noch untersucht werden, was sich am Tisch alles wie drehen lässt, damit z.B. irgendwo Besteck oder Salz oder Servietten auftauchen, man kann auch nachsehen, wo im Saal welche Schienen hinführen, herumlaufende Kinder stören hier tatsächlich niemanden.

Und wenn der erste Topf im Anflug ist, wird aus einer schlichten Portion Pommes plötzlich eine Riesenattraktion, die mit großem Jubel begrüßt wird. Man nimmt den Topf von den Schienen und wartet auf den nächsten, die Söhne hätten es vermutlich auch nicht langweilig gefunden, wenn wir 50 Varianten von irgendwas bestellt hätten.
 

Zwischendurch wieder nachsehen, was wo ist, wie was geht - und dann gab es dabei noch eine Kleinigkeit, die ganz einfach ist und die wir doch noch  nie erlebt haben. Die Kinder konnten nämlich der Kellnerin auch helfen, Sachen von hier nach dort zu tragen. Und das taten sie mit beträchtlichem Eifer und Riesenspaß - hätte man ihnen noch mehr erklärt, sie hätten vermutlich den ganzen Tag mit Begeisterung dort gearbeitet, da wird der Einsatz in der Gastronomie plötzlich selbst zum Event, der Gedanke ist so schlecht nicht. Vielleicht sollten auch die Restaurants, in denen Kinder ab und zu nerven, die Kleinen einfach mit sinnvollen Aufgaben in der Küche oder im Service versehen, es wirkt tatsächlich Wunder, ich habe es gesehen.
 

Und natürlich können die Kinder auch einmal im Zentrum der Maschinerie auf ein paar Knöpfe drücken (solange der Laden nicht gerammelt voll ist jedenfalls). An den Startrampen, wo das Essen aus der Küche kommt und auf die Schiene gebracht wird, können Töpfe auf die Reise geschickt werden, auch das ist ein Job, den die Söhne tagelang ausüben könnten. So ein grandioses, riesiges, abgefahrenes Spielzeug! Im Grunde ist das ganze Restaurant als Spielzeug zu betrachten, man isst in einem Modellbausatz Pommes, wie toll ist das denn.
 

Aus Kindersicht, gar keine Frage, ist das Restaurant ein Knaller. Als Erwachsener betrachtet man das Essen zwar mit etwas Ratlosigkeit - aber gut, die Kinder waren hoch zufrieden. Man kommt  wegen der Blicke, mit denen die Kleinen den sausenden Töpfen folgen, man kommt wegen der unübersehbaren Begeisterung in den Kindergesichtern. Wer ein Patenkind zu beglücken hat, eine Nichte, einen Neffen, Enkel, eigenen Nachwuchs - das funktioniert hier mit Sicherheit. Unser Besuch im Restaurant ist schon ein paar Tage her, er ist aber immer noch Gesprächsgegenstand im Kinderzimmer.

Und das ist aus Sicht der kleinen Gäste auf jeden Fall die Bestwertung.

Maximilian Buddenbohm, Buchautor, Zeitungskolumnist und bekannter Blogger, schreibt für den Hamburg Führer über Hamburger Attraktionen für Familien.